35 Kilometer


Was für ein ungemütliches Wetter? Es nieselt unentwegt und bei neun Grad Celsius kramt man doch lieber seine dickere Jacke und die Mütze heraus. Kein Tag für lange Outdoor-Aktivitäten, oder?

So würde ich es normalerweise sehen. Doch am heutigen Tag ist für mich vieles unnormal. So lasse ich die Kinder für einen ganzen Tag bei meinem Mann, ziehe meine bequemsten Schuhe an, setze mir meinen mit Essen und Trinken gefüllten Rucksack auf den Rücken und steige in den T4 meiner neuen Freunde. Wir fahren ins 35 km entfernte Torgau, treffen dort auf zwei weitere Freunde, ähnlich ausgerüstet wie ich. Und dann laufen wir los. Unser Ziel, der 35 Kilometer entfernte Heimatort.

Wie jetzt? Du bist nur nach Torgau gefahren, um von dort wieder zurückzulaufen? Ja, das umschreibt so ziemlich genau unseren Plan. Zwei „Mitglieder“ unserer „Wandergruppe“ haben vor zwei Jahren das erste Mal dieses Abenteuer gewagt (sogar mit Kleinkind), heute befinden sich sechs (mehr oder weniger) begeisterte Erwachsene auf dem Weg.

Eingelassen habe ich mich auf dieses Vorhaben nicht, weil ich so gerne weite Strecken laufe, oder, weil ich Abenteuer liebe; oder, weil ich jemandem etwas beweisen wollte. Stattdessen wollte ich die Gelegenheit nutzen, ein paar Menschen aus meiner neuen Heimat etwas besser kennenzulernen und mit ihnen Zeit zu verbringen…Also lief ich los, versuchte ein für mich passendes Tempo zu finden und den Regen zu ignorieren. Der erste Ort lag hinter uns, der nächste war in Sicht. Mal vertiefte ich mich in ein Gespräch mit meinen Mitreisenden, mal betrachtete ich eingehend meine Umgebung. Meine Füße trugen mich NOCH problemlos.

Wäre ich allein losgelaufen, so hätte ich trotzdem nach dem ersten Ort Stopp gesagt, hätte mich abholen lassen und den Tag in der Wohnung genossen. Doch ich war nicht allein, sondern im Team. Die Anwesenheit des anderen ließ uns laufen, Kilometer für Kilometer. Die Gespräche lenkten uns ab, ließen uns mehr lachen als stöhnen. Gemeinsam klangen unsere entzückten Ausrufe über die Kälber und Lämmer am Wegesrand viel lauter und unsere Entrüstung als der Koch in der Runde von Lammbraten sprach. Gemeinsam wagten wir uns an einem Schießplatz vorbei, freuten uns über das schützende Blätterdach des Waldes und die kleinen Ortschaften, die gute Orientierungshilfen darstellten.

Die Füße wurden mit der Zeit immer schwerer. Einige Füße zierten nun schon große Blasen. Anderen schmerzte der Rücken oder die Hüfte. Dankbar stellten wir dafür fest, dass es zu regnen aufgehört hatte. Die Sonne versteckte sich zwar immer noch hinter ein paar Wolken, doch war das vielleicht sogar ganz gut so. Die letzten zehn Kilometer waren definitv kein Spaziergang. Sie fühlten sich eher wie Arbeit an, Arbeit mit Blei an den Füßen. Kurz dachten wir darüber nach, nicht bis zum Ziel zu laufen, doch fühlte sich Aufgeben nicht richtig an.

Die letzten drei Kilometer schleppte ich mich nur noch dahin, war zu keinen tiefsinnigen Gesprächen in der Lage, konnte noch nicht einmal deutsche Volkslieder mitträllern. Dafür schaffte ich es aber, auf den letzten Metern den Arm meiner Mitreisenden zu ergreifen, meinen Rücken etwas aufzurichten und nach acht Stunden Wanderung mit „We-are-the-Champions“ auf das Grundstück zu marschieren, auf dem unsere Familien mit Grillgut, Getränken und ganz viel Lob auf uns warteten.

Als ich abends in meiner wohlig warmen Wanne lag und meine schweren Glieder entspannte, da schwamm neben mir auch ein Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit. Zufrieden, dass ich mich der Herausforderung gestellt hatte und sie bewältigen durfte und Dankbarkeit für meine Begleitung, für die Chance, gemeinsame Erinnerungen geschafft zu haben – und dafür, dass ich jetzt weiß, dass man mit den richtigen Menschen an seiner Seite auch bei Nieselregen wunderbar „spazieren“ gehen kann.


3 Kommentare

  1. Danke für die gemeinsame Wanderung und die wunderbare Zusammenfassung der Anstrengung und Überwindung. Es war trotz allem ein wunderschöner Tag.

    • Manuela Hübler

      Danke für deine lieben Worte. Ja, ich bin auch ganz erstaunt, wie gut es mir mal getan hat, so richtig an meine Grenzen zu gehen. Schön, dass wir es gemeinsam erleben durften!

  2. Christine

    Ich bewundere deine Ausdauer und deinen Mut, auf diese Weise neue Freunde kennenzulernen.

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