Ganz anders als ich


Dass meine Kinder Geschwister sind, sieht man ihnen auf den ersten Blick an. Beide haben das Grübchen am Kinn und die nach oben geschwungene Oberlippe ihres Vaters geerbt. Charakterlich hingegen unterscheiden sie sich schon sehr voneinander. Ein Kind ähnelt charakterlich in vielen Punkten mir, das andere kommt sehr nach dem Vater. Trotzdem sind es keine Klone ihrer Eltern, sondern wunderbare Individuen.

Jeder Mensch ist anders und das ist gut so! Diesen Satz würde ich jederzeit unterschreiben. Tief in mir drin, weiß ich, dass dieser Satz wahr ist, dass die Verschiedenartigkeit der Menschen eine gigantische Bereicherung für das Zusammenleben ist, es bunt und spannend macht und andererseits fordert mich diese Gegensätzlichkeit oft auch heraus. So fällt es mir einfach leichter, dass Weinen meines einen Kindes zu verstehen – da ich ja selbst so oft in Tränen ausbreche – als die rasende Wut des anderen Kindes. Ich genieße die Momente mit dem einen Kind, wenn es am früheren Abend zur Ruhe kommt und sich beim Einschlafen an mich kuschelt. Gleichzeitig realisiere ich, wie ich mich mehr anstrengen muss, die Geduld für das andere Kind aufzubringen, das eine Nachteule ist, am Abend die größte Energie aufbringt und beim sehr späten Einschlafen körperlich lieber etwas Abstand hält.

Wie schnell stehe ich in der Versuchung das eine Verhalten, den einen Charakterzug des einen Kindes als den wünschenswerteren anzusehen. Die beiden Kinder zu vergleichen und zu mir selbst zu sagen: „Mit dem Kind fällt es mir leichter als mit dem anderen. Könnte das eine Kind nicht vielleicht etwas mehr wie das andere zu sein.“ Gedanken kommen uns nun einmal in den Sinn und dürfen auch gedacht werden. Doch wird es katastrophal, wenn meine Gedanken für das Kind spürbar werden. Weiß ich doch, wie schlimm es sich anfühlt, wenn man nicht man selbst sein kann, das Gefühl hat, sich verbiegen zu müssen, um anderen zu gefallen. Und unsere Kinder wollen uns gefallen…

Doch wie kann ich diese Andersartigkeit feiern? Mir hilft es, meinen Mann und mich zu betrachten. Wir sind sehr unterschiedlich und viele unserer Gegensätze fordern uns heraus. Gleichzeitig lassen uns unsere unterschiedlichen Charakterzüge auch aneinander wachsen und machen uns zu einem wirklich starkem Team. Wären wir uns ähnlicher, dann würden wir uns vielleicht weniger streiten, aber mein Blick auf das Leben wäre auch deutlich begrenzter.

Ich möchte im Blick auf meine Kinder gnädig mit mir selbst und vor allem mit meinen Kindern sein. Möchte mir selbst zugestehen, dass mich manche Verhaltensweisen meiner Kinder an meine Grenzen bringen, mich stärker fordern und mich vielleicht auch eher versagen lassen. Und vor allem möchte ich meinen Kindern immer wieder vermitteln und sagen: Nur, weil Mama vielleicht in diesem Punkt ganz anders als du tickst, heißt das niemals, dass du falsch bist. Durch dich kann Mama die Welt noch einmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen und damit gibst du deiner Mama die Chance, über sich selbst hinaus zu wachsen… Du bist gut, so wie du bist!


1 Kommentare

  1. Elisabeth Dombrowe

    Das hast du wirklich so schön ausgedrückt! Danke für deine reflektierenden Gedanken, die auch mich als Mutter zum Nachdenken bringen.

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