Da war mehr Schwere als Glücksgefühl


Ich sollte glücklich sein. Vor Glück bis an die Decke springen, na gut lieber nicht zu wild springen, aber mich wenigstens glücklich im Kreis drehen. In mir wuchs ein kleiner Mensch heran. Unser erstes Kind. Ein gewolltes Kind. Und was machte ich. Ich lag in meinem Bett und zog mir die Decke über den Kopf und den immer größer werdenden Bauch, in der Hoffnung, dass unter der Decke auch all die Sorgen, all die Schwere verschwinden würde.

Ich bin keine dauergrinsende Optimistin, das war ich noch nie. Ich betrachte immer auch das, was an Herausforderungen ansteht. Und beim Thema Baby konnte ich da so einiges aufzählen. Mutterschaft mit 22 Jahren. War ich nicht doch ein bisschen zu früh für diese große Verantwortung? Ein Baby während des Bachelorstudiums? Wie soll ich gleichzeitig eine tolle Mutter und super Studentin sein? Würden wir unser Baby auch materiell gut versorgen können?

Zu diesen Zukunftsgedanken gesellten sich ganz reale Nöte. Die Übelkeit und das Erbrechen das bis zum sechsten Monat nicht verschwinden wollte und mich körperlich runterzog; das noch so rissige Netz an sozialen Kontakten an unserem neuen Wohnort und die Angst ohne Freunde dazustehen und die großen Sorgen in meiner Herkunftsfamilie, die ich nicht ignorieren konnte und wollte.

All das mischte einen übelschmeckenden Cocktail, von dem ich Tag für Tag trank und der meinen Blick immer trüber werden ließ. Es war, als stolperte ich auf ein dunkles Loch zu, fiel hinein und kam allein nicht mehr heraus. Ich raffte mich zu allen „wichtigen“ Studienveranstaltungen auf. Zuhause hingegen saß ich so oft da und weinte. Vor meinem Mann war ich ehrlich, doch half auch diese Ehrlichkeit nicht aus der Dunkelheit.

Das blöde an meinem Studium der Sozialen Arbeit war, dass ich wusste: Meine psychische Verfassung würde einen Einfluss auf mein ungeborenes Baby haben. Dieser Gedanke machte mich fertig. Ich wollte meinem Baby doch die bestmöglichsten Startbedingungen ermöglichen, wieso belastete ich es jetzt mit meinen negativen Emotionen. Je mehr ich mich dafür schlecht fühlte, desto tiefer rutschte ich ins Loch. Die Depression hatte mich im Griff.

Ich würde jetzt gern erzählen, dass ich mich an einen Arzt gewandt habe und mit Hilfe von Psychotherapie aus dem Loch herausgekrabbelt bin, oder dass ich zu Gott gebetet habe und er mir sofort große Freude geschenkt hat, aber nein, so war es nicht. Die Schwere, das Gefühl einer zentnerschweren Decke auf meinen Schultern blieb sogar noch nach der Geburt als unser Sohn so viel weinte und sich nicht beruhigen ließ. Hatte ich komplett versagt, würde mein Sohn ein Leben lang von dieser Traurigkeit begleitet werden?

Und wieder kann ich euch sagen: Nein. Ich kann euch es nicht genau benennen, wann ich das Loch hinter mir ließ, doch irgendwann streckte ich mein Gesicht wieder der Sonne entgegen (auch bei zahlreichen Mutter-Sohn-Spaziergängen), lächelte in das so wunderbar grinsende Gesicht meines Sohnes und freute mich darüber, dass auch anderen auffiel, wie viel der Kleine lächelte.

Ich weiß nicht, wieso ich durch diese schwere Zeit gehen musste und ich weiß auch nicht, wieso mein Sohn das miterleben musste, aber ich weiß, dass Gott auch in dem Loch an meiner Seite war. Dass ihm kein Fehler unterlaufen ist, als er unseren Sohn zu dieser Zeit zu uns schickte. Denn er gab mir am Tag, als ich den Schwangerschaftstest machte, das Wort: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut.“ (Ps 1,31) Er hat mit mir jede Träne geweint und hätte sich gewünscht, dass ich meine Last ihm überlassen hätte.

Mich hat es sehr glücklich gemacht, dass meine zweite Schwangerschaft nicht auf gleiche Weise verlaufen ist. Die Aufgabe, meinem Sohn eine Mama zu sein, hat meine Gedanken nicht kreisen lassen, dazu war ich viel an der frischen Luft und habe mich sportlich betätigt, auch fühlte ich mich sozial viel besser eingebunden.

Ich möchte allen werdenden Mamas Mut machen, sich und anderen ehrlich einzugestehen, wie es ihnen geht und gemeinsam Wege zu suchen, die einen möglichen Gedankenstrudel unterbinden können. Ich möchte ihnen sagen: Selbst wenn alles düster erscheint, seid ihr trotzdem dazu ausgerüstet, eine Mama zu sein, die aus vollem Herzen Liebe schenkt. Und allen, die zwar keine Kinder unter ihrem Herzen tragen, aber Menschen um sich herum kennen, die in Löchern sitzen. Seid für sie da und liebt sie, denn Liebe ist die stärkste Kraft auf dieser Welt.


3 Kommentare

  1. sehr mutig und faszinierend ehrlich, ich finde das überaus erbauend, obwohl ich nie eine Mama sein kann (da ich ein Mann bin)

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