Ein vorzeitiges Muttertagsgeschenk


Die Ärztin hatte mir ein Muttertagsgeschenk versprochen. Voraussichtlich am 10. Mai sollte die Überraschung ankommen. Na gut, vielleicht auch ein, zwei Tage eher oder später. So exakt kann man die Lieferung dann ja doch nicht planen. Dass ich die Wundertüte aber ganze sechs Wochen früher in den Händen halten würde, das konnte niemand vorhersehen.

Die Zeit zwischen Ankündigung und Auslieferung waren ein emotionales Auf und Ab. Die Hormone spielten verrückt. Viele Tränen flossen über meine Wangen. Oft war da die Angst, der Verantwortung, die mit dem Geschenk einhergehen würde, nicht gerecht werden zu können. Wertvoller „Besitz“ muss besonders gepflegt werden, das wusste ich von meinen ersten zwei Schmuckstücken. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, leider hinterließ ich ständig Schrammen an meinen Kostbarkeiten. Und jetzt sollte mir noch ein drittes geschenkt werden? Was dachte sich der Schenkende nur dabei?

Und dann klingelte der Postbote viel zu früh an meiner Tür. Überrascht und auch etwas überfordert, hielt ich das Paket in den Händen bzw. sah es im Inkubator. Richtig fassen konnte ich es erst nicht. Doch dann nahm ich all meinen Mut zusammen und betrachtete das wunderbare Geschenk. Es war so winzig und gleichzeitig von unfassbarem Wert. Ich hatte es erst wenige Augenblicke gesehen und wusste doch schon, dass ich es niemals eintauschen würde. Es gehörte zu mir und zu den anderen Schmuckstücken in meinem Leben.

Jetzt trage ich mein Muttertagsgeschenk schon über sechs Wochen an meinem Herzen und staune über seine Einzigartigkeit. Es ist strahlt eine große Ruhe aus und bereitet allen, die es sehen, riesige Freude. Ja, es ist zerbrechlich und ja, ich bringe nicht immer das nötige Fingerspitzengefühl dafür auf. Doch traue ich dem Schenkenden jetzt zu, dass er wusste, was er tat, als er mich als „Besitzerin“ auswählte. Und anscheinend wusste er auch, dass ich dieses Jahr ein vorzeitiges Geschenk zum Muttertag nötig hatte – das beste Geschenk der Welt!


1 Kommentare

  1. Christine

    Danke , liebe Manu, Dein Beitrag berührt mich sehr und drückt sehr schön aus, was wohl jede Mutter in ähnlicher Weise empfunden hat oder empfindet!

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