Perfektionismus und eine Flut an Tränen


Ich bin 26 Jahre alt, habe zwei Kinder, einen Bachelorabschluss, sollte also als erwachsen durchgehen. Doch gibt es immer wieder Situationen, da fühle und verhalte ich mich wie ein kleines Kind. So auch heute. Ich wurde angefragt, für einen Gottesdienst (der im Fernsehen gezeigt wird) ein Gedicht zu rezitieren. Da ich grundsätzlich bereit war, bei dem Gottesdienst mitzuwirken, habe ich erstmal zugesagt. Mir wurde das Gedicht zugeschickt und ich habe voll Pathos die Worte mit möglichst viel Betonung geübt. Ich war mir dessen bewusst, dass derjenige, der mit mir das Gedicht noch einmal durchgehen wollte (ein Dozent meines Mannes), mit Sicherheit Verbesservorschläge vorbringen würde, aber ich fand meine Ideen gar nicht so schlecht.

So traf ich mich am heutigen Abend mit dem Dozenten. Ich trug ihm das Gedicht vor und spürte, dass er nicht zufrieden war, so ganz und gar nicht. Also wiederholte und wiederholte ich die Zeilen und wurde immer unsicherer. Mit wachsender Unsicherheit merkte ich auch, wie mir langsam Tränen in die Augen stiegen. Jetzt bloß nicht weinen, dachte ich mir. Doch nach einigen bzw. sehr vielen Veränderungsvorschlägen schossen mir dann doch diese dummen Tränen in die Augen. Ich wollte es doch gut machen, nein, eigentlich wollte ich es sehr gut machen. Ich wünschte mir, dass der Dozent mich für meine Bemühung lobte, mich bestätigte und hasste das Gefühl, nicht gut genug zu sein und dann auch noch wie ein kleines Kind weinen zu müssen. Ja, ich weiß, auch Erwachsene dürfen weinen. Mich persönlich stört es bei anderen überhaupt nicht, wenn sie Tränen vergießen. Wenn es mir selbst passiert, ist mir dies jedoch höchst unangenehm, vor allem weil meine Tränen nie schnell versiegen und ich meist über einen längeren Zeitraum heulen muss. Am liebsten wollte ich aufspringen und den Raum verlassen, aber dann hätte ich mich noch kindischer gefühlt. Also blieb ich und übte weiter weinend das Gedicht. Nach einer halben Stunde wirkte der Dozent einigermaßen zufrieden und ich konnte endlich die Situation beenden. Zuhause ließ ich meinen Tränen noch einmal mehr ihren Lauf.

Die Heftigkeit meiner Gefühle am heutigen Abend hat mich erschrocken. Ja, ich weiß, dass ich durch eine Erkältung labiler war, aber aus welchem Grund habe ich so geweint? Wahrscheinlich offenbarte sich meine Unsicherheit, das Gefühl nicht gut genug in meinem Tun zu sein und damit irgendwie auch nicht gut genug als Person.

Perfekt sein zu wollen – dieses Thema zieht sich schon durch mein ganzes Leben. In allen Bereichen, in denen Leistung gefordert wurde, andere mich bewerteten, setzte ich immense Anstrengungen ein, um ohne Fehler zu sein. Waren meine Leistungen nur gut oder schlechter, dann überrollte mich ein gewaltiger, surrealer Schmerz. Das Gefühl, den Bewertenden enttäuscht zu haben, war kaum aushaltbar. Um dieses negative Gefühl nicht spüren zu müssen, setzte ich zusätzliche Kraft für die jeweilige Aufgabe ein. Irgendwie dachte ich, spätestens im Studium etwas von diesem Streben nach Anerkennung abgelegt zu haben. Denn ich bin mir sehr bewusst, dass nicht Leistung mich zu einem liebenswerten Menschen macht. Sondern, dass ich liebenswert bin, weil ich existiere, weil ich ein von Gott geliebter Mensch bin.

Was ich mir nach dem heutigen Erlebnis wünsche? Ein gestärktes Selbstbewusstsein. Ich bin wertvoll, weil ich bin. Wenn meine Leistung nicht perfekt ist, dann ist dies kein Weltuntergang, sondern kann ein Wachstumspotential darstellen. Wie ich dieses neue Bewusstsein erlange? Dies zu beantworten, fällt mir schon schwerer. Manchmal denke ich, so unangenehme Situationen wie die heute, helfen mir stärker zu werden. Indem ich es aushalte, „zu versagen“, nicht aus der Situation fliehe, sondern sie durchlebe und reflektiere, werde ich am Ende gestärkt daraus hervorgehen. Als glaubende Person möchte ich auch meinen Gott bitten, dass er mir hilft, meinen Blick darauf zu richten, was mich ausmacht, wertvoll macht und mir der Liebe Gottes in meinem Leben bewusst sein.

Auch du bist wertvoll, weil du bist! Ich wünsche uns, dass sich diese unumstößliche Tatsache in unsere Herzen schreibt.

Liebe Grüße

Manuela


2 Kommentare

  1. Hey Manuela,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestolpert. Was für ein offener und wahrer Beitrag – ich finde mich total wieder in deinen Gefühlen! Ich kann auch nicht gut damit umgehen, dass andere Menschen kritisieren, was ich mir mühevoll erarbeitet habe… Da muss man aber durch.^^ LG Nadine

    • Manuela Hübler

      Schön zu lesen, dass du meine Gefühle nachvollziehen kannst. Ich wünsche dir und mir, dass wir immer stärker und selbstbewusster leben werden. Liebe Grüße und vielen Dank für dein Feedback

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