Für meine sieben Geschwister


Zusammen ist man weniger allein

Allein war ich in meinen Kinderjahren nie. Immer war einer von euch da. Einer, der mit mir Puppen spielen wollte; einer, der lieber kempeln wollte; einer, der sich neben mich auf die Couch setzte, wenn ich meinen Kopf in mein zehntausendstes Buch steckte; einer, der mich wegen seiner Hausaufgaben fragte; einer; der neben mir sein Instrument übte; einer, der mir von seinen Süßigkeiten abgab; einer, der meinen Liebeskummer erkannte. Immer war einer von euch da und das war gut so.

Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die gleichen Eltern, die gleichen Großeltern. Wir kannten die gleichen Leute, spielten mit denselben Nachbarskindern, fuhren in den gleichen Urlaub. Wir haben die gleichen Werte verinnerlicht, starteten von derselben Startbahn. Jetzt laufen wir verstreuter und doch ähneln sich unsere Gangarten. Wir haben nun einmal nebeneinander laufen gelernt. Im Alltag bin ich ständig auf der Suche nach Ähnlichkeiten in meinen Gegenübern. Ich fühle mich Menschen näher, wenn ich merke, dass mich etwas mit ihnen verbindet. Und wir sind uns in so vielem ähnlich. Ihr seid Vertraute, ohne, dass ich euch immer alles anvertrauen muss.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Ja, auch das haben wir getan. Doch staune ich immer wieder, wie oft wir uns von den gleichen Dingen, der gleichen Schönheit angesprochen fühlen. Bei euch muss ich mich nicht rechtfertigen, wieso Schwarz und Grau die bezauberndsten Farben meiner Garderobe sind, wieso dünner Pudding auch als vollwertiges Mittagessen zählt, wieso Musik keinen doofen Text haben sollte und wieso Musicalfilme zum Mittanzen zwingen. Wir lachen über die gleichen Dinge und noch viel öfter verdrehen wir die Augen, weil andere über etwas lachen, was wir nicht nachvollziehen können.

Sich so nah zu sein, ist auch manchmal schwer. Schließlich kennt ihr mich nicht nur gut gestylt, sondern auch im Gammellook. Ihr kennt mich nicht nur fröhlich und höflich, sondern auch zickig, wütend, traurig, verletzt und verletzend. Wahren wir vor anderen oft eine hübsche Fassade, so zeigen wir uns gegenseitig allzu oft die Risse unseres Innersten. Es tut mir leid, wenn manche eurer Risse auch durch mich entstanden sind. Ich würde sie lieber kitten, denn schließlich schmerzen doch auch mich all eure Wunden. Schon von klein auf, habe ich es gehasst, wenn jemand zu euch unfreundlich war. Ich habe Leute nicht schlecht über euch reden lassen, das konnte ich nicht aushalten. Jetzt kenne ich nicht mehr jede eurer Traurigkeiten, doch sollte ich von ihnen erfahren, wandern sie automatisch auch auf meinen Traurigkeitsberg.

Ohne euch zu sein, das fiel mir vor allem in Umbruchssituationen schwer: als das erste Kind kam, dann das zweite, wir umgezogen sind. Ihr ward nicht ständig um mich herum, doch wenn ich um Hilfe gebeten habe, dann seid ihr gekommen. Helfen, das könnt ihr alle. Ihr seid bereit zu geben, ohne mir dafür eine Rechnung auszustellen, ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Nachdem ihr mich unterstützt habt, fühle ich mich nicht schuldig, ich fühle mich dankbar. Danke, dass es euch gibt. Ich bin froh, euch zu haben. Denn mit euch zusammen bin ich weniger allein.

 


3 Kommentare

  1. Danke Manu <3 ich bin auch sehr dankbar für die Vertrautheit, die wir seit Kindheitstagen haben und die auch nicht durch Entfernungen der Wohnorte gebrochen werden kann

    • Wie wahr und wunderschön. Wir sind 6…. Sind mittlerweile verstreut und jeder hat seine eigene Familie. Die Verbundenheit bleibt und das ist so unglaublich kostbar.
      Ein sehr schöner Artikel!!!

      • Manuela Hübler

        Danke. Wie schön, dass es auch in eurer Familie so ist und du Geschwister hast, die dein Leben bereichern.

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